Kein gutes Erstgespräch

Haben Sie bereits Erfahrungen mit Psychotherapie (von der es ja eine Vielzahl von Methoden gibt) gesammelt? Dieses Forum dient zum Austausch über die diversen Psychotherapieformen sowie Ihre Erfahrungen und Erlebnisse in der Therapie.
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Montana
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Beitrag Mo., 15.12.2025, 18:51

Juna85 hat geschrieben: Mo., 15.12.2025, 18:12 Insgesamt fühlt sich das alles inzwischen wie eine Prüfung an, bei der man ins richtige Raster passen muss:
Ist man „zu wenig“, gilt man als nicht krank genug.
Ist man „zu viel“, soll man lieber in eine Klinik.

Und genau dieses Gefühl begleitet mich auch in den therapeutischen Gesprächen.
Das ist tatsächlich so. Leider. Und jeder Therapeut und jede Klinik hat dafür eigene Kriterien. Man kann übrigens auch mit "zu viel" von Kliniken abgewiesen werden. Das habe ich schon zweimal geschafft. Tatsächlich ist dann aber das Angebot wirklich nicht passend. Wenn solche starren Kriterien für eine Aufnahme gelten, was meinst du, wie flexibel die dann in der Therapie sind? Ich wünsche dir so sehr, jemand passenden zu finden. Ich weiß, dass es solche wirklich gibt. Ich habe einen ambulanten Therapeuten der diese Probleme die du benennst auch so kennt und sieht (man kann ja sogar zuhauf Berichte wie deinen lesen, wenn man sich denn die Mühe macht) und selbst nie so argumentieren würde. Er kann nicht der einzige seiner Art sein.

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Beitrag Mo., 15.12.2025, 19:58

Juna85 hat geschrieben: Mo., 15.12.2025, 18:12 Insgesamt fühlt sich das alles inzwischen wie eine Prüfung an, bei der man ins richtige Raster passen muss:
Ist man „zu wenig“, gilt man als nicht krank genug.
Ist man „zu viel“, soll man lieber in eine Klinik.
Ja,das kenne ich sehr gut. Ich hab ja schon ein paar Psychotherapien gemacht + einige Klinikaufenthalte. Hatte auch viele Erstgespräche.. usw. Es ist halt ein System in das man passen oder sich selbst passend machen muss.
Ja und es ist schlimm, wenn man man kämpft und kämpft und aushält und aushält, dann allen Mut und die letzte Kraft zusammen nimmt und auf diese Kälte und dieses Unverständnis trifft. Das ist extrem schwer auszuhalten.

Hab aber auch viele schlimme Dinge erlebt bis hin zu traumatischen Klinikaufenthalten.

Ich hatte aber auch 2 Therapeutinnen, die anders waren mit denen ich sehr gut klar kam und die nicht so waren usw. Die haben mir auch nichtnsomdas Gefühl gegeben, nicht passend zu sein.

Also alles dabei extrem unterschiedliche Erfahrungen.

Es ist zwar absolut krass, was einem psychisch kranken Menschen so abverlangt wird, um Hilfe zu finden, aber wir haben halt keine Lobby... wird sich nicht ändern.
Und wenigstens leben wir in einem Land, wo wir zumindest die Möglichkeit haben, konstenlos Psychotherapien zu erhalten. Das gibt es in kaum einem anderen Land auf diesem Planeten.
"You cannot find peace by avoiding life."
Virginia Woolf

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alatan
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Beitrag Mo., 15.12.2025, 21:57

~~~ hat geschrieben: Mo., 15.12.2025, 19:58 Und wenigstens leben wir in einem Land, wo wir zumindest die Möglichkeit haben, konstenlos Psychotherapien zu erhalten. Das gibt es in kaum einem anderen Land auf diesem Planeten.
Das wird hier auch nicht mehr auf ewig so weitergehen. Die Entwicklung geht in Richtung sehr kurzzeitige Beratung, Gruppentherapien (für PT lukrativer, für Kassen billiger) und KI-Anwendungen.

Einzelpsychotherapien wird zunehmend eine Selbstzahlerangelegenheit werden, wie es anderswo auf der Welt üblich ist.

Dass Kliniken schwierige Pat. heutzutage ablehnen (außer die Pflichtversorger) hat einen einfachen Grund: Schutz der oftmals sehr jungen und unerfahrenen Mitarbeiter vor Überforderung bzw. Schutz der Pat. vor diesen völlig unerfahrenen Mitarbeitern. Also, oftmals kann das Gesamtsetting keinesfalls das bieten, was Pat. eigentlich bräuchten bzw. die Gefahr einer Sekundärschädigung ist hoch und die hohen Kosten für die Solidargemeinschaft sind somit nicht gerechtfertigt.

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Thread-EröffnerIn
Juna85
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Beitrag Di., 16.12.2025, 00:13

@Montana
Ich bin ehrlich gesagt sprachlos – du sprichst das so klar aus, weil du es alles schon selbst erlebt hast.
Für jemanden, der da neu hineinstolpert, fühlt sich das an wie ein Plot-Twist in einem Film: Was? Der war die ganze Zeit tot?!

So ähnlich ist dieses Erwachen:
Was, das System ist tatsächlich primär am Geld interessiert?
Und wirft „wirklich Kranke“ raus, weil sie zu anstrengend, zu komplex, zu aufwendig sind?
Und die Methoden funktionieren eigentlich nur im Bereich A–B – und selbst da auch nur manchmal?

Studierte, ausgebildete, fortgebildete Menschen mit Zusatz-Zertifikaten haben leider oft eines nicht: Empathie.
Sie haben etwas gelesen und glauben dann, deine Probleme besser zu kennen als du selbst.
Funktioniert Ansatz X nicht, bist du halt selbst schuld – Stichwort Therapieversager.

Und das Absurde daran:
Das schreibe ich gerade nicht einmal aus Erfahrungen mit Psychotherapeuten, da habe ich ja bislang kaum einen Fuß in die Tür bekommen.
Das alles stammt aus meinen Erfahrungen im medizinischen System mit Krebs.
Die Parallelen sind erschreckend.

@~~~
Ich gebe zu, am Anfang war ich ein kleines bisschen neidisch, als ich gelesen habe, dass du mit 26 schon mehrere Therapieplätze hattest.
Inzwischen fühlt sich das ja an wie der Versuch die letzte Packung Klopapier zu Corona-Zeiten zu ergattern.

Was du dann über traumatisierende Klinikaufenthalte schreibst, ist allerdings einfach nur bitter.
Ich habe mir – bevor ich überhaupt irgendwo angerufen habe – die Bewertungsseiten mancher Kliniken angeschaut.
Und bin danach aus vielen geflüchtet, noch bevor ich überhaupt Kontakt aufgenommen habe.

Da gibt es Material für eine ganze Horrorserie:
Folter, Erniedrigung, Abwertung, Entmündigung –
dafür aber reichlich Pillen und Medikamente gratis.
Und das betrifft leider nicht nur Psychiatrien.

In psychosomatischen Kliniken wurde mir sogar offen gesagt, dass das wöchentliche Einzelgespräch im Grunde hauptsächlich dazu dient, die Medikation zu besprechen.
Dauer: 15–20 Minuten.
Das sagt eigentlich alles.

@alatan
Du bringst es ziemlich genau auf den Punkt: Schutz der Mitarbeitenden vor den Patienten – und umgekehrt.
Klar, Mandala-Malen und Joggengehen sind keine Lösung für traumatisierte Menschen.
Ablenkung zur „Stabilisierung“ mag für einen kurzen Moment ganz nett sein, hilft aber niemandem, echte Krisen zu bewältigen.

Deshalb sind „Burn-out“-Diagnosen dort offenbar auch besonders beliebt.
Die passen gut ins Konzept.

Ironischerweise hat mir inzwischen das Internet mehr geholfen als viele Profis in weißen Kitteln:
KI, Foren und verständnisvolle Menschen, die nicht sofort abwerten oder verurteilen, waren für mich oft hilfreicher als das offizielle Hilfesystem.

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Darum auch euch ganz herzlichen Dank für eure lieben und reflektierten Antworten hier.
An manchen Stellen komme ich nämlich wirklich ins Grübeln, ob ich komplett bescheuert bin, weil ich in dieses System nicht passe – oder ob das Problem vielleicht doch eher woanders liegt.

Eure Rückmeldungen helfen mir gerade sehr, das einzuordnen und nicht daran zu verzweifeln, ständig dieses Gefühl zu haben, auf dem falschen Planeten zu leben.

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