Borderline, guter/schlechter Mensch

Nicht jedem fällt es leicht, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, "einfach" mal jemanden kennenzulernen oder sich in Gruppen selbstsicher zu verhalten. Hier können Sie Erfahrungen dazu (sowie auch allgemein zum Thema "Selbstsicherheit") austauschen.
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V__W
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Borderline, guter/schlechter Mensch

Beitrag Fr., 23.01.2026, 20:43

Hey- ich schreibe, weil mein lebenslanges Thema ist ob ich ein guter oder schlechter Mensch bin- für beides habe ich *Beweise*. Psychotherapie kenn ich, hilft mir aber nicht.
Vorweg, ich leide an einer Zwangserkrankung- mit der ich bereits besser umgehen kann, die trotzdem Stress und Angst in mir auslöst. Das nagt natürlich unterbewusst am Selbstwert und an meiner generellen Zufriedenheit. Außerdem bin ich Borderlinerin und schnell mit Gefühlen überfordert. Generell bin ich ein ambivalenter Mensch in meiner Innen- und Aussenwelt. Ich kontrolliere gerne alles.

Ich beobachte:
Ich kann mich gut kümmern, hab ich immerschon- bin ein riesen Kinder und Hundefan. Manchmal packt mich Angst, dass ich das nur mache weil Kinder und Hunde irgendwie kontrollierbar sind, dann aber denke ich es kommt von einem liebevollem Ort weil ich ja Zuneigung spüre. Und das andere ist vl. einfach Verantwortung. Ich kann die Kontrolle hier sinnvoll nutzen.
Andererseits manipuliere ich Menschen und fühle oft keine Reue oder Empathie. Ich nutze Personen für mich und bin oft nur auf mein Wohl aus. Ich frage mich wieviel Egoismus normal ist. Ich lenke gerne das Gespräch auf mich- ist das weil ich viel zu erzählen habe, Zugehörigkeit spüren will oder weil ich zu egoistisch bin? Gleichzeitig weiß ich, dass ich ein großes Bedürfnis nach Bindung habe und Nähe und Gemeinschaft toll finden kann. Und es ist auch verständlich, dass ich mir Nähe hole wo ich nur kann. Ich habe liebevolle Phasen, sind mit jedem möglich- bedeutet das, dass ich einzelne gar nicht wirklich liebe oder ist es was Schönes? Ich übernehme gerne die Leitung und kommandiere andere herum, das ist aber schon viel besser geworden- gebe ich anderen nur Tipps, damit ich sie leite oder weil ich was Gutes für sie will?

Ich wurde in der Schule gemobbt, weil ich schon immer eine Person für mich alleine haben wollte & oft zu kontrollierend war. Rücksicht nehmen, teilen und Kompromisse eingehen ging gar nicht. Ich habe trotzdem immer wieder probiert Freunde zu finden aber das Mobbing war für mich schlimmer als ich mir zugstehe. Heute ist es immernoch so, dass ich eine Person treffe und versuche sie an mich zu binden, egal wer es ist und ob ich die Person für mein Leben überhaupt gut finde. Ich bin bei neuen Kontaten meist superlieb- ist es weil ich wirklich nett sein kann oder um sie an mich zu binden? Ich idealisiere Personen und im nächsten Moment werte ich sie gedanklich ab. Das schlimme ist, dass wenn ich diese Person dann für mich habe, sie mir sehr schnell egal wird, bzw. ich ständig zwischen "Ich will Nähe, und "Ich brauch dich nicht, du bist mir egal" schwanke. Ich stecke dann häufig in emotionalen Krisensituationen. Klassisch Borderline halt.
Wenn ich mich mit einer Freundin treffe fühle ich Einsamkeit (wahrscheinlich weil ich ihr nicht sagen kann, was in mir passiert), Wunsch nach Nähe, gleichzeitig Abwertung, Freude wenn sie wegen mir lacht, Wunsch nach Interesse von ihr. Einerseits brauche ich sie nur, dann merke ich sie ist ja doch interessant und ich will die Freundschaft vertiefen und im nächsten Moment ist all das weg?? Ich denke es passiert auch so viel in mir, dass ich nicht hinterherkomme. In Beziehungen provoziere ich Streit, treibe die Person weg und hole sie mir dann wieder nah und denke Schwarz-Weiß über den Menschen. Nur meine Familie ist mittlerweile ausgenommen- meine Vermutung ist, dass ich hier wie bei meinem Hund einfach eine „Garantie“ habe, dass sie mich nicht verlassen werden und ich wenn diese Sicherheit gegeben ist, besser damit umgehen kann. Auch sind die Verhältnisse zu diesen Personen geklärt und ich kann sie gut kategorisieren.

Teil 2 unten.
Zuletzt geändert von V__W am Fr., 23.01.2026, 21:23, insgesamt 1-mal geändert.

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V__W
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Beitrag Fr., 23.01.2026, 20:45

Mir war es schon immer wichtig wie ich auf andere wirke. Ich wollte immer reif und erwachsen wirken, war auch nur mit älteren unterwegs. Trotzdem bin ich Einzelkämpferin und steche lieber heraus bevor ich mich einer Gruppe anschließe. Ich bin in der Arbeit sehr fleißig und zuvorkommend- oft habe ich das Gefühl es ist nur weil ich so wirken will oder weil es Teil meines kranken Systems ist und frage mich ob mir eigentlich alles egal ist. Ich merke auch hier Ansätze von alles kontrollieren wollen, alles alleine machen wollen – das geht aber schon viel besser. Ich kann wirklich sagen, dass ich glücklich in meiner Arbeit bin, trotzdem durchlaufe ich die selben stark positiven/negativen Phasen für meine Mitarbeiter/Chefs. Und oft handle ich so schnell, dass mir scheint Veränderung im Verhalten wäre unmöglich.

Das Ganze ist auch unverständlich für mich. Ich bin bsp.in einer Ausbildung mit Gleichaltrigen. Eine Situation die früher schrecklichst für mich war. Heute liebe ich es, wenn wir gemeinsam Lachen und Spaß haben und es fällt mir super leicht mit den anderen in Kontakt zu treten. Und vielleicht weil dann eben Bindung entsteht sind sie mir im nächsten Moment wieder unwichtig und ich könnte gemein sein. Ich verstehe auch nicht warum es mir objektiv leicht fällt in der Gruppe zu sein- bin ich hier so abgekapselt von meinen Gefühlen? Menschen machen mir nämlich eigentlich schon Angst. Ist das alles weil ich in Wirklichkeit schrecklich bin oder weil ich zumache wenn es näher/gefährlicher für mich wird. Und warum verändert sich mein Verhalten nicht wenn ich merke HEY ICH BIN GRAD ANGENOMMEN (Beziehung, Partnerschaft,..)- eigentlich sollte ich doch durch diese Situationen etwas heilen?
Wann ist egoistisches Denken normal?

Ich muss auch sagen, dass ich immer die eine Wahrheit in mir suche- in Gedanken und Gefühlen, etwas das mir sagt ja so bin ich wirklich. Mein Selbstbild ist fragil, Motivation A macht mich zu einem guten und Motivation B zu einem schlechten Menschen. Und das nagt dann an mir und macht mich sehr traurig. Gibt mir das Gefühl ich bin nicht okay wie ich bin, was ja teils stimmt. Grundsätzlich weiß ich was richtig und was falsch ist und welche Momente zählen, auch wenn ich falsche Entscheidungen treffe. Ich kann all das Geschriebene vergessen- muss ich auch sonst dreh ich durch aber ich weiß sobald es um Beziehungen geht spielt es in mir verrückt.

Würde mich freuen wenn ihr eure Erfahrungen (und gerne auch Tipps) mit mir teilt:)

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Beitrag Sa., 24.01.2026, 17:55

Hallo V__W.,

die Verhaltensmuster, die Du beschreibst, sind Ausdruck der Borderline Persönlichkeitsstörung und machen Dich nicht zu einem guten oder schlechten Menschen. Damit stigmatisierst Du Dich selbst und wirst Dir nicht gerecht.

Ich finde es mutig und ehrlich, wie Du über Deine Handlungen nachdenkst und die jeweiligen Auswirkungen reflektierst. Es ist bemerkenswert, wie Du Deine Werte hinterfragst und versuchst, durch die vielen Fragen, die Du an Dich stellst, Antworten zu bekommen. Das zeigt auch, dass Du in der Lage bist, Einfluss auf Dein Verhalten zu nehmen.

Aus meiner Sicht würde es Dir aber guttun, Verständnis für Dich aufzubringen, anstatt über Dich zu urteilen. Ich weiß von mir, dass übermäßige Selbstkritik einen Menschen auch lähmen kann und die eigenen Stärken nicht mehr sehen lässt.

Wenn Dir Psychotherapie bisher nicht geholfen hat, kann das viele Gründe haben, die Methode war vielleicht nicht geeignet, die therapeutische Beziehung passte nicht oder es war für Dich noch nicht der richtige Zeitpunkt …

Wichtig wäre aus meiner Sicht, dass Du aus dem Gedankenkarussell herauskommst, um das ständige Analysieren hinter Dir lassen und den nächsten Schritt gehen zu können. Dabei würde Dich eine wirklich passende professionelle Hilfe unterstützen. Die Suche nach einem geeigneten Therapieplatz ist nicht einfach, aber Du könntest Dich bei Deinem Hausarzt beraten lassen, der Dir vielleicht weitere Anlaufstellen nennen kann. In probatorischen Sitzungen könntest Du prüfen, ob das Verhältnis zum Therapeuten für Dich stimmt und Dich die Methode anspricht. Vielleicht wäre auch ein Austausch mit anderen Betroffenen in einer Selbsthilfegruppe hilfreich.

Alles Gute.
Siehst du einen Riesen, so prüfe den Stand der Sonne und gib acht,
ob es nicht der Schatten eines Zwerges ist. Novalis

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Beitrag So., 25.01.2026, 11:19

Jeder Mensch ist gut und böse gleichzeitig. Reine gute und böse Wesen gibts nur in irgendwelchen Disney-Märchen-Welten aber nicht in der Realität. Ich glaube, du denkst da einfach zu schwarz-weiß... ich denke, nur weil ich z. B.manchmal denke, ich würde Person XY gern mal zusammenschlagen, weil sie unglaublich nervt, ist man kein schlechter Menschen (ich mache es ja nicht).... nur weil ich Vorurteile habe (die ich nicht mir der Realität) verwechsle, bin ich kein schlechter Menschen.... nur weil ich eine Menschen mal emotional verletze bin ich kein schlechter Mensch, wenn es mir leid tut und ich dran arbeite, dass es ggf nicht mehr vorkommt.

Ich denke, wie jeder Mensch bin ich beides gleichzeitig...gut und böse... ich bin zu allen menschlichen Verhaltensweisen fähig.... im Extremfall könnte ich jemanden töten (wenn es ums eigene Überleben geht z. B.). Ich habe aber ganz klare Werte und eine ganz klare Vorstellung in was für einer gesellschaft ich leben möchte.... und zwar ganz kurz zusammen gefasst: Jeder soll so leben wie er*sie möchte, solange niemand zu schaden kommt. Ich bin für eine freie und empathische Gesellschaft. Und man kann sich in jeder Sekunde des Lebens entscheiden, wie man handeln will. Fehler machen ist menschlich. Da sollte man sich nicht komplett fertig machen, das macht ja keinen Sinn. Wenn man eine Vision von dem hat, wie man gern sein möchte, kann man einfach aus Fehlern lernen und versuchen beim nächsten Mal anders zu machen.

Sich selbst als böse abstempeln, zeigt für mich nur, dass man noch nicht viele Ressourcen hat, um sein Leben eigenständig und selbstbewusst zu gestalten.... dass man das Gefühl hat, man hätte über sein eigenes Verhalten gar keine richtige Kontrolle. Das stimmt aber nicht.

Ich denke, dann flüchtet man sich in die abwertende Gedanke, wie z. B "Ich bin böse", "Ich bin schlecht" usw. weil die eigene Selbstabwertung ist etwas, was man ja selbst kontrolieren kann undwas die Illusion von Klarheit bringt. Die Selbsteinordnung in diese Schublade beruhigt das Gehirn.

Deshalb wünsche ich dir, dass du irgendwann aushalten kannst, dass du wie alle Menschen, weder gut noch böse bist, sondern alles in einer Person. Und dass das Leben chaotisch und nicht zu kontrollieren ist. Ich wünsche dir das Selbstbewusstsein, dass du dir irgendwann aber zutraust, jede Sekunde des Lebens bewusst zu leben und dich der Version von dir sebst anzunähern, die du sein möchtest.
"You cannot find peace by avoiding life."
Virginia Woolf

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